Bild und Kontext. Einige begriffliche Anmerkungen zur semantischen Anomalie der Bilder

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Auch Bilder prägen das menschliche Welt- und Selbstverhältnis. Sie tun dies vermutlich ähnlich fundamental wie Sprache. Jedoch sind die Mechanismen sehr unterschiedlich, auf die wir beim bildlichen Zeigen und beim sprachlichen Mitteilen zurückgreifen. Die These, die ich hierzu im Vortrag erörtern möchte, lautet, dass die sachliche Basis dieser unterschiedlichen Mechanismen in einer semantischen Anomalie der Bilder liegt, die in eigentümlicher Weise perzeptuelle Unmittelbarkeit mit kommunikativer Unbestimmtheit verbindet. Im Vergleich zur Sprache verleiht diese Anomalie Bildern eine erhöhte Wirksamkeit zum Preis einer verstärkten Kontextabhängigkeit.

Text-Bild-Verhältnisse in dokumentarischen Comics. Ein intermedialer Dialog

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Wenn man über das Verhältnis von Bild und Text spricht, gerät zwangsläufig auch der Comic als Medium in das Blickfeld. In einer sprachlich-zeichnerischen Kommunikation wollen wir erkunden, inwiefern die unterschiedlichen Techniken des Comics geeignet sein können, auch auf andere Text-Bild-Verhältnisse angewendet zu werden. Dabei geht es vor allem um Fragen der Dokumentation und der Informationsvermittlung: Was kann ein Text ausdrücken, was kann ein Bild sagen, was können beide gemeinsam transportieren? Welche Botschaften entstehen, wenn diese beiden Medien sich vereinen? In der Form wollen wir ein Experiment wagen: Es soll nicht nur über das Verhältnis von sprachlichen und visuellen Codes diskutiert werden. Wir versuchen, auch den Diskurs selbst mit Mitteln des Sprechens, des Schreibens, des Zeichnens und Aufzeichnens zu führen.

„Image et parole“ – Szenarien der Wort- und Bildkritik im Werk Jean-Luc Godards seit 1968

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„Das Ziel war, das Bild vom Ton zu trennen“, antwortete der schweizerisch-französische Filmkünstler Jean-Luc Godard auf die Frage eines Journalisten, der ihn im Rahmen der für die Filmfestspiele von Cannes ausgerichteten Pressekonferenz zu seinem aktuellen Film Le Livre dʹimage (2018) befragte. Der als Untertitel beibehaltene frühere Arbeitstitel „Image et parole“ deutet bereits daraufhin, das der als selbstverständlich hingenommene Zusammenhang von Bild und Sprache, der das audiovisuelle Medium Film charakterisiert, hier nicht mehr bedingungslos Gültigkeit besitzt. Dabei greift Godard auf Überlegungen zurück, die er bereits fünfzig Jahre zuvor formuliert hatte. Das Jahr 1968 markiert im Werk des Filmkünstlers eine einschneidende Demarkationslinie, die sich insbesondere anhand der Filme La Chinoise (1967) und Le gai savoir (1969) nachzeichnen lässt. Der nietzscheanische Nihilismus, der letzterem seinen Namen verlieh, dient dabei als Ausgangspunkt kritischer Reflexion. Als Medium dieser wird fortan das Fernsehen auserkoren. Hier ist insbesondere die Episode Photo et Cie bemerkenswert, die Godard zusammen mit Anne-Marie Miéville im Rahmen der für das Fernsehen produzierten Videoserie Six fois deux (1976) geschaffen hat. Der Vortrag wird sich diesen verschiedenen historischen Stationen widmen und von dort aus jeweils neu das Verhältnis von Bild und Sprache beleuchten.

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Bild/Text – Bild/Hypertext

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Worte beeinflussen Bilder, Bilder beeinflussen die mit ihnen assoziierten Worte. In der konventionellen Beziehung zwischen Foto und Bildunterschrift führen die Wörter oftmals eine Art Quantenkollaps herbei, in dessen Verlauf bildinhärente Ambivalenzen auf eine bestimmte Bedeutung heruntergebrochen werden. Produktiver wäre eine Beziehung zwischen Foto und Text, die beiden Medien eine eigene Stimme zugesteht, welche die jeweils andere verstärkt (und manchmal einen Gegensatz bildet). Die nicht-lineare Erzählung in Hypertext und Hypermedien fördert eine oftmals spielerische Herangehensweise, welche die unterschiedlichen Bedeutungen von Text und Bild, je nach ihrer Position in der jeweiligen Sequenz, herausstellt. Fotografien können mittels image-mapping mit Verweisen versehen werden, so dass bestimmte Bildbereiche einen Erzählstrang einleiten, während andere Leser*innen in eine neue Richtung führen. Noch grenzüberschreitender gedacht, lässt sich der Code von Bildern (oder Texten) auch in anderen medialen Formen ausgeben, etwa als Musik. Leser*innen haben dabei größere oder geringere Möglichkeiten der Mitarbeit bei der Bedeutungsbestimmung.

Counter Narratives: Bild und Text in „Deutsche Bilder – eine Spurensuche“ und „Postcards from Europe”

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Eva Leitolf beschäftigt sich in Deutsche Bilder – Eine Spurensuche mit rassistischen und fremdenfeindlichen Straftaten in Deutschland und hinterfragt dabei den gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt. In Postcards from Europe untersucht die Künstlerin, wie die Europäische Union mit ihren Außengrenzen und damit verbundenen internen Konflikten umgeht. Ihre Arbeiten führen Bilder von Orten mit sorgfältig recherchierten Texten über vergangene Ereignisse an diesen Schauplätzen zusammen. Das Wechselspiel von Bild und Text untersucht neben den Phänomenen Fremdenfeindlichkeit und Migration auch Aspekte der Wahrnehmung, Prozesse der Bedeutungsbildung sowie Grenzen und Möglichkeiten von Repräsentation.

Das entliehene Archiv: Die kollaborative Arbeitspraxis des Kashmir Photo Collective

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Die kollaborative Arbeitspraxis des Kashmir Photo Collective – ein digitales Archiv für Fotosammlungen und historisches Bildmaterial aus Kaschmir – ist wesentlich, um konventionelle Vorstellungen von Familienarchiven sowie insbesondere das pädagogische und wissenschaftliche Potential von Familienfotografien zu hinterfragen. Für das KPC beginnt die Zusammenarbeit mit der Digitalisierung der Sammlungen bei den kaschmirischen Familien zu Hause, ein Umfeld, auf welches das KPC immer wieder zurückgreift, um den Bildkontext zu erheben. Dieser Vortrag soll aufzeigen, wie Erinnerungen – die während des Archivierens als narrative Fragmente erscheinen – über eine handgeschriebene Beschriftung durch die Archivare verwandelt werden und inwiefern diese Art der Erinnerungsbildung die Handlungsmacht über das entliehene Archiv bei der Erzeugerin oder dem Erzeuger des Albums belässt.

Zeigen, nicht erzählen? Research-based Fotobücher von Regine Petersen und Laia Abril

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The Epilogue (Laia Abril 2014) und Find a fallen Star (Regine Petersen 2015): Beide Fotobücher tragen die Vergangenheit der Ereignisse, von denen sie erzählen wollen, bereits im Titel. Und beide Bücher sind das, was man research based nennen könnte, Fotobücher, denen eine intensive Recherche vorausgeht, Bücher, die multimedial erzählen, um – zumindest in diesen beiden Fällen – zu rekonstruieren:
In Abrils Arbeit wird das Wissen um die Bulimie der bereits verstorbenen Protagonistin zeitlich versetzt präsentiert und die Unwissenheit der Familie spiegelt sich in der Unwissenheit des Lesers. Petersen, die mehrere Fälle von Meteoriteneinschlägen untersucht hat, fragt sich ebenfalls in ihrer Arbeit, wie etwas gezeigt werden kann, was man nicht (mehr) sehen kann.
Beide Bücher tun dies mit einer Vielzahl von Objekten: Von der Anzeige bis zum Brief werden verschiedenste Formen von Fundstücken zum Bild egalisiert, wohl wissend, dass damit Semantiken des Dokuments übertragen oder gar evoziert werden. Mein Beitrag möchte sich dem Erzählen ‚zwischen‘ Bild und Text und seinen epistemischen Folgen widmen. Methodisch werde ich mich fragen, was an pikturalen Evidenzverfahren in research-based Fotobüchern zu finden ist, wobei ich mich auch der Narration zwischen Bild und Text widmen werde, um die gesamte Buchstruktur in ihrer epistemologischen Struktur in den Blick zu nehmen.

Bending the Screen: Ekphrasis, das Offensichtliche und das innere Monster

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In seinem Buch Bending the Frame: Photojournalism, Documentary, and the Citizen fordert Professor Fred Ritchin Bildproduzent*innen auf, in ihren Arbeiten innovative, alternative Wege zu beschreiten, um das Publikum einzubeziehen und idealerweise Wandel anzustoßen.
Bending the Screen ist eine Antwort auf diesen Aufruf bzw. eine Ergänzung dazu. Wie der Titel des Vortrags suggeriert, liegt der Fokus jedoch eher auf Überlegungen zu den screens, die Bildproduzent*innen und ihrem Publikum Informationen zu den von ihnen erkundeten Themen liefern. Bevor sie ihren Rahmen neu setzen, müssen Bildproduzent*innen die Darstellung dieser Themen erwägen und sich der Bilder und Texte bewusst werden, die in den Köpfen ihres Publikums präsent oder aber abwesend sind. Nur über die Reflexion der Nuancen der Informationsvermittlung (über Bilder, Texte und Bildtexte) und -aufnahme können Künstler*innen, Fotograf*innen und Aktivist*innen hoffen, Strategien zu entwickeln, welche Darstellung und sogar Handeln neu gestalten, hinterfragen und – idealerweise – beeinflussen.
Der Vortrag behandelt mein Interesse an der Visualität von Text in Beziehung zu Vorstellungen von Beweis, Abwesenheit und Verständnis, wobei auf vier Beispiele meiner Arbeit zurückgegriffen wird: Guantanamo: If the light goes out, Orange Screen, Negative Publicity: Artefacts of Extraordinary Rendition und My Shadow’s Reflection. Er wird sich mit ungesehenen Prozessen sowie mit gegenwärtigen Konflikt- und Hafterfahrungen auseinandersetzen.

Margins of Excess: Text und Bild im zeitgenössischen dokumentarischen Fotobuch

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Max Pinckers präsentiert sein neuestes Buch Margins of Excess (Selbstverlag, 2018) und nimmt dabei besonders in den Blick, wie die Beziehung zwischen Bild und Text die dokumentarische Erzählung formt. In Ablehnung einer absoluten Wahrheit oder eines ultimativen Primats des Wissens vereinen seine Arbeiten unterschiedliche
Perspektiven. Dabei treffen Textausschnitte aus vorliegenden Quellen auf Fotografien und stellen gemeinsam einen narrativen Zusammenhang her. In Pinckers Fotobüchern vermischen sich Wirklichkeit und Fiktion – nicht, um uns hinters Licht zu führen, sondern um uns einen komplexeren Blick auf die Welt zu ermöglichen, und zwar unter Einbeziehung des subjektiven und fiktionalen Charakters der Kategorien, mit denen wir diese wahrnehmen und definieren.

Fotografie im Fegefeuer

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Die meisten meiner Projekte sind als narrative Strukturen konzipiert. Ich arbeite daher in der Regel mit beidem: Fotografie und Schreiben. Ich werde verschiedene frühere Arbeiten diskutieren; der Fokus liegt allerdings auf meiner aktuellen Forschung zu beschädigten Fotografien, die als Überreste fotografischer Materialität betrachtet werden, aber ebenso Anlass zu spekulativen Geschichten geben. Das Projekt ist ursprünglich aus einer historischen Tatsache erwachsen: Nils Strindbergs Fotografien von Andrées tragischer Polarexpedition 1897. Die belichteten Negative wurden erst 33 Jahre nach Strindbergs Tod gefunden, zusammen mit den Briefen, die er seiner Verlobten schrieb, während er mit seinen beiden Partnern fast drei Monate lang durch die arktische Eiswüste irrte.