Bilder im Konflikt: fotografische und filmische Bilder von Krisen- und Konfliktsituationen verändern sich in Ästhetik und Gebrauchsweisen – und geraten damit selbst ins Visier. Zum einen haben sich im Zuge der digitalen Entwicklungen die Bildproduzent*innen und Distributionskanäle von Bildern vervielfältigt. Das erweitert Perspektiven und ermöglicht neue Erzählformen. Zum anderen geht damit eine Erschütterung des klassischen bildjournalistischen Selbstverständnisses einher. Die Konkurrenz der visuellen Strategien sucht das Affektpotential der Bilder zu steigern. Zugleich wird hinterfragt, inwieweit Fotografien noch als Zeugnisse wirken können. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Wahrheitsansprüchen zwischen Authentizität, Objektivität und Propaganda. Ihre Kontextualisierungen und Rahmungen stellen Bedeutungen her – und erfordern Reflexion.

Das Symposium ›Images in Conflict‹ lässt Expert*innen aus Theorie und Praxis fotografischer Bilder aufeinandertreffen und in einen Diskurs über visuelle Zeugenschaft und emotionale Überzeugungskraft eintreten.

In vier Panels werden verschiedene Aspekte der Bilder in Konflikten beleuchtet.

Unter dem Fokus auf ›Akteure und Perspektiven‹ sprechen der niederländische Fotograf Geert van Kesteren (Why Mister, Why? & Baghdad Calling), die syrische Grafikdesignerin Dona Abboud (Out of Syria, Inside Facebook), der Bildwissenschaftler Philipp Müller (Bildstrategien des IS) und der Kommunikationswissenschaftler Dr. Felix Koltermann (Fotoreporter im Konflikt – Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina) über das Aufeinandertreffen von professionellen Aufnahmen und Amateurbildern, die potentielle Mittäterschaft durch virtuelle Zeugenschaft, sowie die Einflüsse der Produktionsbedingungen in Konflikträumen auf das fotojournalistische Handeln.

Um ›Nichts als die Wahrheit‹ geht es im zweiten Panel, wenn die erfahrene Journalistin und Sprecherin von Human Rights Watch, Emma Daly (New York), davon berichtet, wie fotografische Zeugnisse als Beweismaterial im Kampf um Menschenrechte eingesetzt werden. Prof. Dr. Ursula Frohne (Universität Münster) spricht als Kunsthistorikerin das Zusammenspiel von ikonischem Bildstatus und dem Eindruck von Gewissheit anhand von Harun Farockis „Serious Games“ an. Der Fotograf und Autor Michael Ebert beschäftigt sich mit den Fehlinformationen, die die Rezeptionsgeschichte des bekannten Vietnamkriegsfotos napalmverbrannter Kinder von Nick Ut durchziehen. Stephen Mayes vom Tim Hetherington Trust fragt, was digitale Prozesse mit der Wahrheit des Bildes machen. Wie steht es um die Zusammenhänge von Fakten, alternativen Fakten und Wahrheit in Zeiten der digitalen Revolution?

Sichtbar unsichtbar‹ sind die Bilder, manchmal aber auch die Konflikte, denen sich die Fotografen des dritten Panels widmen. Christoph Bangert (Köln) wagte mit ›War Porn‹ das Experiment, seine Selbstzensur auszuschalten und uns mit Bildern zu konfrontieren, die unsere Sehgewohnheiten trotz aller verbreiteten Gräuelbilder herausfordern. Der Magnum-Fotograf Donovan Wylie fokussiert in seinen friedlich wirkenden Aufnahmen auf die militärischen Architekturen in Konfliktlandschaften. Und Adam Broomberg, Teil des Künstlerduos Broomberg&Chanarin, warnt davor, Bilder singulär zu betrachten. Prof. Dr. Karen Fromm (Hochschule Hannover) nimmt eine theoretische Einordnung der Mechanismen von Exklusion und Visualisierung im Fotojournalismus vor. Als Keynote-Speaker wird Santiago Lyon von seiner Arbeit für Bildagenturen (zuletzt: AP; New York) und deren Praxis der Selektion von Fotografien für die redaktionelle Verwertung berichten. – Die Moderation übernimmt der mehrfach preisgekrönte Fotograf Dr. Paul Lowe vom London College of Communication.

How to make images matter?‹ – Das abschließende Panel vereint unterschiedliche Annäherungen an die Frage nach der Wirksamkeit von Bildern. Der Autor Dirk Gieselmann (Berlin) und der Fotograf Armin Smailovic (München, Sarajevo) haben auf ihrer gemeinsamen Reise durch Deutschland einen ›Atlas der Angst‹ erstellt. Für sie fungieren Fotografien als ein Medium neben anderen, um die komplexen Ergebnisse ihrer Recherche zu vermitteln. Über das Phänomen von Bildern als ‚Fans‘ anderer Bilder im Sinne der Wirkungsentfaltung ikonischer Fotografien in der aufgreifenden Rezeption durch Folgebilder macht sich Prof. Dr. Martin Scholz (Hochschule Hannover) Gedanken. Dr. Vera Brandner betrachtet die Fotografie als Aktions-, Dialog- und Reflexionsform, deren Wirkung für das Arbeiten mit Menschen in Situationen kultureller Differenz nutzbar gemacht wird. Die Nutzbarmachung und Nützlichkeit von Bildern sind auch im Vortrag von Prof. Dr. Rolf F. Nohr (Institut für Medienforschung, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig) zentrales Thema. Mit dem Ansatz der kritischen Diskursanalyse blickt er auf Fluchtbilder und aktuelle populistische Bildstrategien.

Dabei kreisen die Fragen letztlich immer wieder um das Kernproblem, die Hauptaufgabe von Fotojournalist*innen: Wie können Bilder wahrhaftig berichten und dabei eine Wirkung entfalten, die berührt, ohne zu manipulieren?

Veranstaltungsort

Hörsaal der Fak. III
Abt. Design und Medien,
Hochschule Hannover,
Expo Plaza 2,
30539 Hannover