Kapitel
Nichts als die Wahrheit

In seiner (erstmals 1955 im Eulenspiegel Verlag) veröffentlichten Kriegsfibel kombinierte der deutsche Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht Pressefotografien aus dänischen und amerikanischen Tageszeitungen und Illustrierten mit kommentierenden Vierzeilern, die er Foto-Epigramme nannte. Die in den 1930er-Jahren im Exil in Dänemark begonnene Arbeit ist sowohl eine kritische Chronik der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs als auch eine didaktische Infragestellung der vermeintlichen Wahrhaftigkeit und Eindeutigkeit der Fotografie.

Mit ihrem Künstlerbuch War Primer 2 (erschienen 2011 in limitierter Auflage von 100 Exemplaren bei MACK; Neuauflage 2018) eignen sich Adam Broomberg und Oliver Chanarin Brechts Kriegsfibel an und übersetzen sie in die massenmedial geprägte Zeit des ,war on terror‘. Das Bildmaterial für ihre Intervention und Neuinterpretation finden sie im Internet und montieren es auf die 85 Tafeln der britischen Originalausgabe (War Primer, erschienen 1998 bei Libris). Durch ihre Aneignung wird sowohl Brechts ,Verfremdungseffekt‘ multipliziert als auch die Komplexität der zeitgenössischen Verwendung und Verbreitung von Konfliktbildern thematisiert.